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Das Blasinstrument und der Atemhilfsmuskel

Störungen bei Blechbläsern / M. Transversus thoracis

von Hans-Jürgen Von der Wöste
Atemhilfsmuskel?! Was ist das! Gibt es da etwa einen Trick, einen Hilfsmuskel, den man nur aktivieren muss um alle bläserischen Probleme zu lösen? Um das gleich vorweg zu sagen, einen Trick mit dem Atemhilfsmuskel, um sich das mühsame Üben zu ersparen gibt es leider nicht. Aber wir können über das Bewusstwerden des Atemhilfsmuskels unsere Tonqualität verbessern. Es gibt mehrere Atemhilfsmuskel, ich möchte hier auf einen exspiratorischen Atemhilfsmuskel aufmerksam machen, also einen, der die Ausatmung unterstützt und allgemein wenig Anerkennung erfährt und einer der variabelsten Muskeln des Menschen ist.

  Gute Voraussetzung um
  Ausatemkraft zu erzeugen

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Gemeint ist der Muskel “Tranversus thoracis“ (s. Abb. A). Wir schauen vom Rücken in den Brustkorb hinein. Der Muskel liegt von vorn gesehen hinter dem Brustbein (Sternum) und hinter den Rippen und seine Zacken strahlen in unterschiedlicher Zahl (Abb. B und C) zu den rechten und linken Rippen, weshalb er auch einer der variabelsten Muskel des Menschen ist. Er zieht die Rippenknorpel nach unten und ist somit ein Ausatemmuskel. Bei vielen Menschen ist er schwach veranlagt und hat nur eine unterstützende Funktion, weshalb er auch als Atemhilfsmuskel bezeichnet wird.1) Im Taschenatlas Anatomie lesen wir: „Zahlreiche Varietäten sind bekannt. Häufig ist er rechts und links asymmetrisch ausgebildet. Manchmal kann er fehlen. Die Zahl seiner Zacken kann variieren.“ 2) Also von gut entwickelt, siehe Abb. A bis schwach entwickelt, siehe Abb. B und sogar asymmetrisch, siehe Abb. C. Das Fehlen ist sicherlich eine Seltenheit. Abb. B und C bedeutet natürlich verminderte Ausatemkraft. Daraus sehen wir, dass dieser Muskel “Transversus thoracis” für die Lebensqualität nicht von so großer Bedeutung ist. Auch bei Menschen, bei dem dieser Muskel schwach ausgeprägt ist, scheint es keine weiteren Beschwerden zu geben1).

Gesundheitlich oder medizinisch gesehen also nicht so relevant, aber wenn eine Atemkraft nach außen gebracht werden muss, steigt seine Bedeutung. Und hier denken wir natürlich zuerst an die Musiker mit einem Blasinstrument. An der Spitze der Trompeter, da die Trompete den größten intraoralen, bzw. intrathorakalen Druck benötigt.3) 4) 5) In der Musik und zwar wenn es um Blastechnik geht, gewinnt dieser Muskel also immer mehr an Bedeutung, was wir näher betrachten wollen. Die Lunge, als integraler Bestandteil eines Blasinstrumentes, wollen wir uns einmal als einen Blasebalg vorstellen. Ideal wäre es doch, wenn dieser Blasebalg von allen Seiten einen entsprechenden Druck erfahren würde. Nur so wäre maximaler Druck möglich und die damit erforderliche Luftgeschwindigkeit garantiert. Eine Schwachstelle an einer Seite würde das Druckergebnis erheblich verringern. Der Druck beträgt bei Trompetern immerhin 131 mmHg – 170 mmHg. 3) 4)

Facialis_HauptbildZeichnungen: EDITION Von der Wöste

So ist es auch im Idealfall! Die Lunge erfährt diesen Druck aus unterschiedlichen Richtungen. Da ist zum einen die Zwischenrippenmuskulatur, die den Brustkorb insgesamt verkleinert. Weitere andere expiratorische Atemhilfsmuskel, hervorzuheben ist hier der M. latissimus dorsi (auch Hustenmuskel genannt) der die Rückenpartie zusammenzieht und natürlich der Atemhauptmuskel, das Zwerchfell, welches von unten durch Bauchmuskel gegen die Lungen drückt. Die wichtigste Richtung allerdings, da sie die Kehlfunktion unterstützt 6) , ist die vordere obere Brust, die sich nach innen/unten senkt, wofür der “Transversus thoracis“, der hinter dem Brustbein (Sternum) seine Aufgabe erfüllt, zuständig ist. In meiner DVD „Die Problematik der Atemstütze bei Blechblasinstrumenten“ bezeichne ich diese Kraft als Gegenkraft zum Zwerchfell. Als Gegenkraft deshalb, da die anderen oben erwähnten Richtungen der Kraftausübung alle ein Ziel haben, nämlich die Luft nach oben zum Blasinstrument zu befördern. Also in Richtung Kehlkopf, wo ja dann nicht selten die Enge des Halses zu spüren ist und durch die berühmten Verkrampfungen die Tonqualität extrem beeinflusst wird. Nur der “Transversus thoracis“ lenkt seine Kraft abwärts, was erforderlich ist und erheblich dazu beiträgt, dass die komplexe Kehlfunktion seine Aufgabe erfüllen kann.4) 6) Wenn dieser Muskel gut veranlagt ist, kann man ihn erfühlen und trainieren, was das Spielen auf einem Blasinstrument erleichtert und den Klang des Blasinstrumentes wesentlich verbessert. Ein verkrampfter Ton, kann Ausdruck eines nicht ausreichend vorhandenen oder eines nicht aktivierten “Transversus thoracis“ sein.5)

Forschungsergebnisse
In der medizinischen Fachzeitschrift für Herz-Thorax-Chirurgie „JOURNAL OF CARDIOTHORACIC SURGERY“ war zu lesen, dass Untersuchungen über den “Transversus thoracis” stattfanden und eine Autopsie-Studie an 120 Probanden durchgeführt wurde. Bei insgesamt 120 Personen konnte bei nur 55,8% eine Muskelsymmetrie festgestellt werden. Asymmetrisch waren die Muskeln bei 44,2%. In den meisten Fällen erstreckte sich der “Transversus thoracis“ nur von der 2.-6. Rippe (Abb. A) oder noch geringer von der 3.-6. Rippe (Abb. B). In wenigen Fällen war die 4. Rippe die höchste Stufe (Abb. B) Selten war allerdings der Ansatz an der 1. Rippe 7) (siehe Bild D).

                                                                                                                                              Optimale Voraussetzung für die Ausatemkraft
                                                                                                                                                      und die Innervierung der Kehlmuskulatur


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Sollte diese Tatsache etwa die Grundlage einer außergewöhnlichen Bläserbegabung betreffend der Ausatemkraft und der Tonqualität sein? Also die wichtigste Voraussetzung für ein künstlerisches, kraftvolles und sensibles Spielen dieser Instrumente? Diese Ergebnisse sind nun für die Bläserpädagogik sehr interessant und unterstützen meinen Gedanken, dass mehr auf die Gegenkraft geschaut werden sollte, als auf die Hauptkraft, die vom Zwerchfell ausgeht.

Die Medizin kommt zu folgender Erkenntnis:
„Die Fälle mit schwach entwickeltem Muskel sind jedoch ein Beweis für die sekundäre Rolle der Atmung des Transversus thoracis beim Menschen.“ 7)

Die Bläserpädagogik sollte eine andere Erkenntnis daraus ziehen!
Bläser, die einen gut veranlagten “Transversus thoracis“ haben, haben eine außergewöhnliche bläserische Veranlagung, auch gerade deswegen, weil die oberen Zacken (Rippe 1+2) des “Transversus thoracis“ sicherlich die Wesentlichsten sind, um die Kehlmuskulatur zu innervieren6), wie es schon Frederick Husler 1961 in seinem Buch “Singen“ erwähnte.
Die direkte Verbindung zwischen dem frei aufgehängten Kehlkopf und dem Brustbein, lässt sich allein durch die muskuläre Verbindung dieser beiden Skelettteile erkennen (siehe Abb. D).Fehlt die Abwärtssenkung des “Tranversus thoracis“, hat die Kehlfunktion nicht die optimale Unterstützung und es trifft geballte Atemkraft ohne Gegenkraft auf das innere der Kehle 6) Die Kehlfunktion ist somit für eine künstlerische Tätigkeit ausgeschaltet.Außerdem ist durch die Zwerchfellverbindung (Pars sternalis) eine Absenkung des Zwerchfells gegeben. Somit ist der M. Transversus thoracis aus meiner Sicht die wichtigste Steuerung in der Atemstütztechnik wenn Anblaskraft gebraucht wird. 4)

Für die einen ein „unbedeutender Hilfsmuskel der Ausatmung“, für die anderen ein „sehr bedeutender Muskel für eine künstlerische Tätigkeit der Bläser und Sänger“.

Störungen bei Blechbläsern
Es ist eine Herausforderung in der Bläserpädagogik, den Muskel “Transversus thoracis“ zu aktivieren, also eine Zusammenziehung zu erreichen, damit dadurch über die Aktivierung der Kehlfunktion die Luft fließen kann. Leider können aber auch bei einem gut veranlagten “Transversus thoracis“ Störungen auftreten, die genau das Gegenteil benötigen, also keine Zusammenziehung, sondern eine Entspannung. Dies ist meistens nicht pädagogisch lösbar. Um das besser zu verstehen, möchte ich kurz zitieren, was mir eine Osteopathin zu diesem Thema schrieb.

"Ein in seiner Variantenvielfalt existenter M. Transversus Thoracis kann allerdings auch von einer hohen Grundspannung geprägt sein. D.h. in entspanntem Zustand behält der Muskel oder einzelne Anteile des Muskels einen erhöhten Tonus bei. Dies kann einen ungünstigen Einfluss auf die freie und symmetrische Bewegung der Rippen in der Einatmung und die Elastizität der costo-sternalen Synchondrosen haben. Daraus kann folglich eine Insuffizienz des Muskels in seiner exspiratorischen Funktion resultieren. Durch osteopathische Mobilisationen, insbesondere durch Recoil-Techniken, besteht die Möglichkeit, das Spannungsungleichgewicht positiv zu beeinflussen." 8

Ich habe mir erlaubt einen Satz zu unterstreichen, denn er ist ein entscheidender Hinweis, der für den einen oder anderen Leser (Bläserpädagogen) interessant sein dürfte.
Dieser bedeutende Bläsermuskel der “Transversus thoracis“ sollte in der Bläserpädagogik seine gebührende Anerkennung erfahren. In meiner oben erwähnten DVD, wird dieser Muskel zum “Schlüssel der Blastechnik“ erklärt. Ich danke für Ihr Interesse.

1) KENHUB (2018) Muskulus transversus thoracis, abgerufen am 01.07.2018
https://www.kenhub.com/de/library/anatomie/musculus-transversus-thoracis/

2) aus “Taschenatlas Anatomie“ 1 Bewegungsapparat / Werner Platzer / 11. Auflage S. 82
Georg Thieme Verlag / Stuttgart, New York

3) Pneumologische Aspekte des Musizierens auf einem Blasinstrument / Pneumologie 2008;62: 83-87
M. Kreuter, C. Kreuter und F. Herth / Georg Thieme Verlag KG Stuttgart, New York

4) Die Problematik der Atemstütze bei Blechblasinstrumenten
Der Schlüssel zur Blastechnik  DVD / Hans-Jürgen Von der Wöste

http://www.edition-vonderwoeste.homepage.t-online.de/atemstuetze.html

5) Tonprobleme? Druck im Hals? Allgemeine Erklärung und Lösungsmöglichkeiten / Hans-Jürgen Von der Wöste
http://www.edition-vonderwoeste.homepage.t-online.de/Tonprobleme.html

6) “Singen“ 2. Auflage S. 69 / Frederick Husler / Yvonne Rodd-Marling
Schott Verlag

7) „JOURNAL OF CARDIOTHORACIC SURGERY“ 2011, 6:11
Lazar Jelev, Stanislav Hristov, Wladimir Ovtscharoff
Department of Anatomy, Histology and Embryology, Medical University of Sofia, blvd. Sv. Georgi Sofiiski 1, 1431 Sofia, Bulgaria
https://cardiothoracicsurgery.biomedcentral.com/articles/10.1186/1749-8090-6-11/ abgerufen am 01.09.2018

8) Korinna Schlabach, Osteopathin, Ulm, Juli 2018
https://www.osteopathie-schlabach.de/

 

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